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Intensivstation
(Seite 98 - 107)

Es war die Rückkehr an einen vertrauten Ort. Zwar hatte Peggy Nowakowski seit ihrem tragischen Unfall vor zwölf Jahren kein Krankenhaus mehr von innen gesehen, doch sie spürte ein rasch aufkeimendes Gefühl von Heimeligkeit, kaum dass sie das Eingangsportal der Charité durchschritten hatte. Ihr Bein, das damals bei dem unglücklichen Trainingsunfall auf der Dahme von einer Schiffsschraube aufgeschlitzt worden war, hatte sich dank der hier gebotenen Kunstfertigkeit gut wieder herstellen lassen, weshalb sie mit diesem Ort das Wissen um ihre glückliche Genesung verband. Und da sie ansonsten über eine ausgesprochen robuste Gesundheit verfügte, willkommener Nebeneffekt ihres Ausdauertrainings, der morgendlichen Schwimmrunde im Stolpsee, die in der kalten Jahreszeit dann in der Templiner Schwimmhalle einen zwar nicht vollständigen, aber doch tauglichen Ersatz fand, führte ihr Weg zum ersten Mal seit der Verletzung  wieder durch die Eingangshalle eines Krankenhauses.
An ihrer Seite der Mann, der erst vor kurzem in ihr Leben getreten war: der Elektronik-Ingenieur und Beinahe-Selbstmörder Georg Büchner! Den sie zu diesem Krankenhausbesuch überredet hatte. Weil durch ihre Nachforschungen heraus gekommen war, dass eines der Opfer, sein Fachkollege und Projektpartner Rüdiger Ristau, nach der Bergung aus dem havarierten ICE-Wagen hier eingeliefert und operiert worden war. Der zwar noch auf der Intensivstation lag, aber nach Auskunft der behandelnden Ärzte das Schlimmste überstanden hatte und auf eine baldige Genesung hoffen konnte.
Sie versprach sich von dem Zusammentreffen eine reinigende Klärung. Georg hatte, erst in seinem Abschiedsbrief, dann bei seinen wiederholten Erklärungsversuchen, immer wieder davon gesprochen, schuldig zu sein. Schuldig zu sein wegen seiner Versäumnisse als Entwickler des Prüfsystems, dessen fehlerhafte Funktion das Zugunglück mit verursacht hätte. Ein Hirngespinst, wie sie herausgefunden hatte! Denn bei ihren Recherchen war heraus gekommen, dass dieses Prüfsystem gar nicht eingesetzt worden war. Sehr zum Leidwesen seines Auftraggebers und Projektpartners Rüdiger Ristau, der für die Anwendung des von ihm entwickelten Prüfverfahrens genau dieses Gerät benötigt hätte und deshalb so nachdrücklich auf seine Fertigstellung gedrängt hatte. So aber war nach dem alten Verfahren geprüft worden, dem, ob aus Schlamperei des Prüfpersonals oder aus anderen bislang noch nicht gänzlich geklärten Gründen, der Fehler in der ICE-Achse verborgen geblieben war.
Sie warf einen besorgten Blick auf ihren Begleiter, der ihr vorausgeeilt war und mit hochrotem Kopf die Glastür zur Eingangshalle aufstieß, wo er schnurstracks zum Auskunftsschalter schoss. Dass er die Sache ernst nahm, war ein gutes Zeichen. Aber sie fürchtete auch, sein Übereifer könnte sich gegen ihn wenden. Denn wie oft war aus einer labilen Seelenverfassung heraus der Anfangselan bereits bei den ersten Widrigkeiten zu einem armseligen Strohfeuer verkümmert?
Es beunruhigte sie, dass sie ihn, trotz all ihrer Bemühungen, bisher nicht von seiner Unschuld überzeugen konnte. Weil er sie, wie es zwischen ihnen unausgesprochen im Raum stand, für nicht ausreichend kompetent hielt, die Vorgänge zu beurteilen. Eine Einschätzung, die sie zutiefst kränkte, war sie, die ehemalige Langstreckenschwimmerin und gelernte Versicherungskauffrau, doch im Laufe von nur wenigen Tagen zur Expertin für die Prüfung von Eisenbahnkomponenten geworden! So weit zumindest, wie sich das mit gesundem Menschenverstand und den Physikkenntnissen aus der Schulzeit bewerkstelligen ließ. Denn was die technischen Details betraf, vor allem in Bezug auf die Ultraschallphysik und die Geräteelektronik, gab sie sich in der Tat keinerlei Illusionen hin: Das war Fachchinesisch, dem zu folgen sinnlos gewesen wäre; da hätte es erst einmal einer intensiven mehrwöchigen Schulung oder gar eines Fachstudiums bedurft! Aber für das, um was es ihr ging: nämlich die Rolle herauszufinden, die ihr Schützling in dieser Affäre einnahm, genügten rudimentäre Kenntnisse, da sich das Zusammenspiel der Ereignisse sowie die Frage der Verantwortung aus denjenigen Fakten ergab, die allesamt nichttechnischer Natur waren.
Während sie vor dem Fahrstuhltrakt standen und wortlos auf die Ankunft einer Kabine warteten, ließ sie ihre Gedanken in die Zeit zurück wandern, als sie hier in die Notaufnahme eingeliefert worden war. Von Schmerzmitteln benebelt, aber so weit bei klarem Bewusstsein, dass sie um die gefährliche Dimension des Unfalls wusste. Als sie bangen musste, ob man ihr Bein retten würde, in dem eine mehrere Zentimeter lange und bedrohlich tiefe Wunde klaffte und wahrscheinlich Sehnen, Muskeln und vielleicht sogar wichtige Nervenstränge in Mitleidenschaft gezogen waren. Und in dieser Klinik war dann tatsächlich das Wunder vollbracht worden, sie vollständig wieder herzustellen. Zurück geblieben waren lediglich eine hässliche Narbe und eine sie anfangs noch sehr behindernde Steifheit, die jedoch durch den Einsatz ihrer Physiotherapeutin bald restlos überwunden worden war. Seither rief der Name Charité in ihr Hochachtung hervor, entsprechend ehrfurchtsvoll durchschritt sie das Haus, von dem sie überzeugt war, dass es auch dem unglücklichen Opfer des ICE-Unfalls zu einer ebenso raschen wie umfassenden Genesung verhelfen würde.

Im sechsten Stockwerk, in dem die Intensivstation untergebracht war, hatten sie Mühe, das Zimmer der diensthabenden Stationsschwester zu finden. Erst als ihnen in dem sonst menschenleeren, bedrückend stillen Flur ein Pfleger über den Weg lief und sie aufklärte, dass sie in dem verwinkelten Geschoss in die falsche Richtung gelaufen waren, gelangten sie zu dem in unmittelbarer Nähe zu den Fahrstühlen gelegenen Kabuff, wo sie hinter dem verglasten Tresen bereits erwartet wurden.
Die Stationsschwester, eine strenge Brillenträgerin von Anfang vierzig, der die Müdigkeit eines überlangen Vierundzwanzigstunden-Dienstes ins Gesicht geschrieben stand, war mit dem Eingeben von Patientendaten beschäftigt, als sie durch das Klappern der sich nähernden Absätze aufmerkte. Sie musterte das ungleiche Paar mit einem prüfenden Blick, wobei vor allem Büchners unübersehbar aufgelöster Zustand ihre Aufmerksamkeit erregte, und gab ihnen ein paar Verhaltensanweisungen auf den Weg: Abstand halten, den Patienten schonen, vor allem keine aufregenden und belastenden Gespräche führen. Dann, nach dem Aushändigen zweier seegrüner OP-Kittel, schickte sie die beiden den Gang entlang, wo der Gesuchte unweit des Schwesternzimmers in einem zur Gangseite mit Jalousien abgeschirmten Raum untergebracht war.
Als Georg Büchner mit klopfendem Herzen die perlmuttweiße Tür aufstieß, fühlte er sich im ersten Moment in das ihm wohlvertrauten Ambiente eines Elektroniklabors versetzt. An den Wänden und auf Rolltischen ein buntes Sammelsurium von Geräten mit Displays, Signallämpchen und Leuchtziffernanzeigen, davor ein mit Kabeln bestückter Oszilloskop ähnlicher Kasten, über dessen beinahe kellerfenstergroßen Bildschirm die nervöse Zackenlinie eines sich periodisch wiederholenden Impulses huschte. Und mittendrin in diesem Berg von technischem Equipment ruhte, in sterilem Weiß auf einem schlichten, metallenen Rollenbett, sein von Frakturen und Blessuren sichtlich schwer in Mitleidenschaft gezogener Projektpartner Rüdiger Ristau. Aus dessen bandagiertem linkem Unterarm sich zwei Infusionsschläuche zu einem seitlich auf einem Galgen angebrachten durchsichtigen Kunststoffbeutel wanden.
Er blieb in einigem Abstand stehen, zögerte, unsicher, wie er dem Verletzten entgegen treten sollte. Zum Einen fehlten ihm jegliche einschlägigen Erfahrungen, da die einzigen Krankenhausbesuche der vergangenen Jahre die Geburten seiner Kinder zum Anlass gehabt hatten, also Ereignisse von durch und durch erfreulicher Natur gewesen waren. Dazu hatte er mit einem erneuten Aufwallen von Schuldgefühlen zu kämpfen. War doch das Bild vor seinen Augen die personifizierte Offenbarung seines Versagens: Was da in beinahe Frankensteinscher Aufmachung am Tropf hing, um seine körperliche Unversehrtheit rang und möglicherweise ein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen haben würde, stellte die fatale ar, erschien ein milder, vielsagender Ausdruck.
„Ja, wie das Leben manchmal so spielt, Herr Büchner“, entgegnete er flüsternd, mit beinahe pastoralem Unterton. „Obwohl die Wahrscheinlichkeit eines solchen Missgeschicks bei lediglich eins zu achtzig Millionen liegt, hat es mich eben erwischt. Aber nach Murphy kann leider alles, was im Bereich des Möglichen liegt, irgendwann eintreten. So auch das Unwahrscheinliche, nämlich ausgerechnet in dem Zug zu sitzen, in dessen Radachse ein Ermüdungsriss die kritische Grenze erreicht hat!“
Büchner blickte betreten zu Boden, wusste nicht, was er erwidern sollte. Mit vielem hatte er gerechnet, mit schweren Vorwürfen oder zumindest einer latent anklagenden Haltung und unausgesprochenen Schuldzuweisungen; auch mit einer äußerst schlechten psychischen Verfassung des Verletzten. Aber weit gefehlt! Der Mann auf dem Krankenbett brachte ihm keinerlei Vorbehalte entgegen und erfreute sich allem Anschein nach sogar einer stabilen mentalen Verfassung.
„Trotzdem“, stotterte er verlegen, „muss es eine ganz, ganz fatale Laune des Schicksals gewesen sein, dass es ausgerechnet Sie, den Experten für die Sicherheit von Bahnkomponenten, so bös erwischt hat!“
„So etwas liegt leider nicht in unserer Hand, Herr Büchner. Auch wenn ich kein Mensch bin, dKonsequenz seiner Fehlleistungen als Ingenieur dar! Da mochte Peggy noch so sehr dagegen halten und mit allerlei Verweisen auf entlastende Umstände intervenieren: Wenn er die ihm im Rahmen des Projekts übertragenen Aufgaben rechtzeitig und korrekt ausgeführt hätte, würde der Unglückliche nicht in diesem erbärmlichen Zustand vor ihm liegen.
Erst der aufmunternde Blick seiner Begleiterin vertrieb die Gespenster der Selbstanklage und löste die hartnäckig seine Zunge lähmende Sprechhemmung.
„Guten Tag, Herr Dr. Ristau“, sagte er mit bebender, immer wieder stockender Stimme. „Wie geht es Ihnen?“
Auf den blassen Wangen des Angesprochenen erschien ein mattes Lächeln.
„Vielen Dank, Herr Büchner“, antwortete er leise, das Sprechen bereitete ihm offensichtlich Mühe. „Wie man so sagt, den Umständen entsprechend. Aber wie kommt es, dass Sie mich hier ausfindig gemacht haben?“
„Ich habe es in der Zeitung gelesen. In der Meldung wurde erwähnt, dass die Verletzten hier eingeliefert worden sind.“ Büchners Augen nahmen wieder hilfesuchend Kontakt mit Peggy auf, die seitlich neben der Tür stehen geblieben war. „Und als ich erfahren habe“, er musste tief ausatmen, bevor er den nächsten Satz herausbrachte, „dass ausgerechnet Sie unter den Opfern sind, konnte ich es kaum fassen. Ausgerechnet Sie!“
In Rüdiger Ristaus Gesicht, vielmehr in dem Teil, der unter dem Verband zu sehen wer an so etwas wie Vorsehung glaubt, muss ich doch respektieren, dass derartige Ereignisse von einer höheren Macht bestimmt sind. Aber das Gute dabei ist wenigstens“, seine Lippen verzogen sich zu einem sybillinischen Ausdruck, „dass ich nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit nun davon ausgehen kann, für den Rest meines Lebens von derartigen Schicksalsschlägen verschont zu bleiben.“
Er verschloss die Augen, als ob er die Tragweite seiner Aussage noch einmal reflektieren müsste.
Büchner rätselte, was in dem Mann vorging, der dem Tod ins Auge geblickt hatte, aber jetzt so tat, als ob er nur ein paar Kratzer abbekommen hätte. Ja, es sogar verstand, sein Unheil ins Positive umzudeuten. Vielleicht hatte es etwas mit jenem urmenschlichen Verdrängungsreflex zu tun, der half, mit Extremsituationen fertig zu werden? Eine Gabe, um die er ihn nur beneiden konnte!
Sein Gegenüber merkte, was in ihm vorging, und setzte fort, als ob er einer Antwort zuvorkommen wollte. „Man darf sich das Leben doch nicht selbst unnötig schwer machen, Herr Büchner!“
Er versuchte dabei vielsagend zu lächeln, was jedoch in kurzes Aufstöhnen mündete und durch das käsige Weiß seiner Wangen und den zu zwei Bleistiftstrichen geschrumpften blutleeren Lippen dramatisch unterstrichen wurde.
Er hat Schmerzen, dachte Büchner, also sollten sie den Rat der Schwester beherzigen und den Besuch so bald wie möglich beenden. Aber vorher wollte er noch Klarheit über seinen Gesundheitszustand.
„Was sagen denn die Ärzte?“, fragte er mit brüchiger Stimme, aus der die Mühe herauszuhören war, möglichst einfühlsam zu klingen. „Gibt es schon Klarheit, wie lange Sie noch bleiben müssen?“
Die Miene des Mannes auf dem Krankenbett umwölkte sich sichtlich.
„Liebend gerne würde ich bereits heute noch nach Hause, aber die Doktoren hüllen sich leider in Schweigen. Wahrscheinlich lässt sich in meiner derzeitigen Situation nur schwer eine Prognose abgeben, deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in Geduld zu üben. Wenigstens habe ich, so wie es aussieht, noch ziemlich großes Glück gehabt. Nur die Frakturen, vor allem der beiden Rippen“, er hob die unverletzte rechte Hand und wies mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht auf seinen Brustkorb, „werden mich noch eine Weile beschäftigen.“
Er bemerkte Büchners besorgten Blick zum Monitor des Kardiographen und beeilte sich, ihn mit ein paar beschwichtigenden Worten zu beruhigen.
„Lassen Sie sich um Himmels Willen von dem ganzen Zauber hier nicht beeindrucken. Ich bin lediglich noch zur Beobachtung auf der Intensivstation. Wegen der Rippenfrakturen, die, wie mir der Stationsarzt Dr. Reiter erklärt hat, vielleicht meine Lunge in Mitleidenschaft gezogen haben könnten. Aber wenn der heutige Befund ordentlich ausfällt, werde ich wahrscheinlich schon morgen in eine normale Abteilung verlegt.“
„Was ich Ihnen von Herzen wünsche, Herr Dr. Ristau.“
„Ich denke, die Ärzte werden es schon richten. Außerdem, Sie wissen ja, Herr Büchner, jede Narbe, die man überstanden hat, adelt seinen Träger!“ Ein gequältes Lächeln huschte über seine Wangen.
Er ist wirklich noch ganz der Alte, dachte Georg Büchner. Seine Gedanken begannen zwischen der Faszination über die mentale Stärke des Verletzten und der betrüblichen Einsicht zu irrlichtern, selbst in einem so geringen Maße mit dieser Gabe gesegnet zu sein. Wie ungleich verteilt die Vorzüge des Lebens doch manchmal sind, schoss es ihm durch den Kopf. Angetrieben vom Verlangen, seinem inneren Bedürfnis Luft zu machen, ließ er sich, entgegen den auf dem Herweg gefassten Vorsätzen und der Ermahnung der Schwester, zu einem emotionalen Ausbruch hinreißen.
„Bitte glauben Sie mir, Herr Dr. Ristau“, entfuhr es ihm mit heiserer, vor Erregung bebender Stimme, „dass ich mir für unser Wiedersehen ganz andere Umstände gewünscht hätte. Und dass es gerechter gewesen wäre, wenn ich jetzt an Ihrer Stelle hier liegen würde!“
„Aber ich bitte Sie, Herr Büchner“, kam es irritiert vom Krankenbett zurück. „Wie kommen Sie denn auf so etwas?“
Aber bei dem Besucher brachen nun endgültig alle Dämme.
„Weil ich mir so meine Gedanken machen muss wegen meiner Versäumnisse bei unserem Projekt“, presste er mit einem Unterton heraus, dem die Erleichterung, seinem Herzen Luft zu machen, anzuhören war. „Sie haben Ihr Bestes für die Sicherheit dieser Züge getan, was ich leider von mir nicht behaupten kann. Erst liefere ich Ihnen die fehlerhafte Hardware, und dann lasse ich Sie bei der Störungsbehebung im Stich!“
„Aber Herr Büchner, das hat doch mit dem, was passiert ist, nichts zu tun. Nicht im Geringsten!“
Büchner starrte ihn ungläubig an. Rang um Worte. „Wenn Sie meinen …“, stammelte er betreten.
Er spürte, wie sich zwei verwunderte Augenpaare auf ihn richteten. Peggys irritierte Miene ließ ihn seine Offenherzigkeit sofort wieder bereuen. Wie gerne hätte er seine Aussage jetzt ungeschehen gemacht, die Worte, die eben seinen Mund verlassen hatte, mit einem Lasso wieder eingefangen und im Dickicht seiner Gedankenwelt begraben. Doch nun war es zu spät.
Er fixierte wie hypnotisiert eines der Perfuser-Geräte vor ihm, als ob ihm der Anblick des rubinrot schimmernden LED-Displays Halt geben könnte. Spürte dabei, wie plötzlich alles infrage gestellt war, was er sich zu dem Ereignis zurecht gelegt hatte. Sollte die ganze Aufregung, der Schock über das Ereignis, seine Selbstanklage, die Fixierung auf seine Schuld, auf einem Missverständnis beruhen?
Für einen Augenblick war er nahe daran, dem hellen, befreienden Gedanken Raum zu geben, frei von aller Schuld zu sein. Lediglich ein paar Versäumnisse bei einem Entwicklungsprojekt zu verantworten zu haben, was bei der Komplexität der modernen elektronischen Systeme im Grunde nicht zu umgehen war. Gehörte es doch zur gängigen Praxis, erst einmal eine Betaversion zu liefern, die irgendwann, nach ausführlicher Erprobung durch den Kunden und mehreren Redesigns, ausgereift sein würde. Und wenn es wirklich stimmte, dass sein Prüfsystem gar nicht zum Einsatz gekommen war – ja, was sollte er sich noch einen Kopf machen? 
Bis eine dunkle Macht wieder seine alte Skepsis zurückbrachte. Ihn mutmaßen ließ, die relativierende Aussage seines Projektpartners wäre lediglich eine Höflichkeitsfloskel gewesen, nett gemeint aber falsch. Um ihn zu trösten, weil er bald mit harschen Konsequenzen zu rechnen hätte. Mit Schadensersatzforderungen, zumindest einer Anzeige wegen Fahrlässigkeit durch den ermittelnden Staatsanwalt.

© Gottfried Schenk 2018